Deutsche Lesbarkeit messen: Amstad statt Flesch
Englische Lesbarkeits-Checker rechnen auch bei deutschem Text mit der Flesch-Formel. Amstads deutsche Anpassung liefert den richtigen Wert, mit Belegen.
Ich schreibe regelmäßig auf Deutsch und Englisch. Bevor ein Text online geht, will ich eine echte Lesbarkeits-Zahl, keinen Bauchgefühl-Check. Jeder kostenlose Checker, den ich ausprobiert habe, hatte einen Haken. Der Wert saß hinter einer Paywall oder einem Login, oder der Text ging erst zu einem fremden Server, bevor überhaupt eine Antwort kam. Die schlechtesten kannten nur Englisch und bewerteten meinen deutschen Text trotzdem, als läse er sich wie ein Gesetzestext.
Genau dieser letzte Punkt hat mich wirklich gestört. Also habe ich meinen eigenen Lesbarkeits-Checker gebaut, der die passende Formel für die jeweilige Sprache wählt, statt einfach eine anzunehmen. Er läuft komplett im Browser, nichts geht an einen Server, den ich betreibe.
Warum die englische Formel deutschen Text zu hart bestraft
Die meisten kostenlosen Lesbarkeits-Checker gehen einfach davon aus, dass du Englisch schreibst, und prüfen das nie nach. Fügst du einen deutschen Absatz ein, rechnen sie trotzdem mit der Flesch Reading Ease. Es ist die einzige Formel, die sie kennen, kalibriert auf englische Satz- und Silbenmuster, nicht auf deutsche.
Ich habe das an einem echten Absatz über Lesbarkeit selbst getestet, geschrieben auf Deutsch: 17 Wörter pro Satz, im Schnitt 2,06 Silben pro Wort. Rechnet man diese Werte mit Toni Amstads deutscher Anpassung der Formel, kommt 42,6 heraus. Schwer, aber für einen Absatz über Sprachwissenschaft angemessen. Speist man dieselben Satz- und Silbenwerte stattdessen in die englische Original-Formel ein, fällt der Wert auf 15,4. Das liegt mitten in der Kategorie „sehr schwer, akademisch“. Gleicher Text, gleiche gemessenen Werte, 27 Punkte und eine ganze Schwierigkeitsstufe Unterschied, nur weil eine andere Formel gerechnet hat.
Der Unterschied steckt in den Koeffizienten selbst. Die englische Flesch-Formel zieht für jede Silbe pro Wort 84,6 Punkte ab. Amstads deutsche Version zieht nur 58,5 ab. Deutsche Wörter tragen im Schnitt mehr Silben als englische. Deshalb schlägt die steilere englische Strafe schnell zu. Ganz normale deutsche Prosa liest sich für eine Formel, die nie dafür gebaut wurde, plötzlich wie eine Dissertation. Wer dieser Zahl blind vertraut, fängt an, gute deutsche Sätze zu zerschneiden, die eigentlich völlig in Ordnung waren.
Zwei Formeln, ein Erkennungsschritt davor
Die Lösung ist nicht, sich einmal für eine Formel zu entscheiden und sie fest einzubauen. Der Checker liest die Sprache aus dem, was du tatsächlich einfügst, und das jedes Mal neu.
Die Erkennung zählt Treffer gegen zwei Stopwortlisten. Eine deutsche mit Wörtern wie der, die, das, und, ist. Eine englische mit the, and, is, of, to. Welche Liste mehr Treffer sammelt, gewinnt. Umlaute und ß zählen zusätzlich doppelt für Deutsch, weil sie im Englischen praktisch nie auftauchen. Fügst du Deutsch ein, bekommst du Amstad. Fügst du Englisch ein, bekommst du die englische Original-Formel. Wechselst du mitten im Editieren die Sprache, aktualisiert sich die Anzeige über dem Eingabefeld von selbst.
Beide Formeln laufen unabhängig von der Sprache auf dieselben zwei Eingaben hinaus: durchschnittliche Satzlänge und durchschnittliche Silbenzahl pro Wort. Für Deutsch heißt das konkret 180 minus die durchschnittliche Satzlänge minus 58,5 mal die durchschnittliche Silbenzahl pro Wort. Für Englisch: 206,835 minus 1,015 mal die durchschnittliche Satzlänge minus 84,6 mal die durchschnittliche Silbenzahl pro Wort. Mehr steckt tatsächlich nicht dahinter. Keine Vokabellisten, keine semantische Analyse, nur Satz- und Silbenarithmetik mit sprachspezifischen Gewichten. Deshalb geht die Erkennung auch so schnell: Zwei kurze Listen abgleichen kostet praktisch keine Zeit.
Silben zählen ist eine Heuristik, kein Wörterbuch
Silben werden über Vokalgruppen pro Wort gezählt, nicht über einen Wörterbuch-Nachschlag. Das läuft schnell und komplett im Browser. Es ist aber eine Annäherung, und ich sage das lieber offen, statt die Zahl präziser aussehen zu lassen, als sie ist.
Für Englisch kommen zwei zusätzliche Regeln dazu. Wörter mit drei Buchstaben oder weniger zählen immer als eine Silbe, und ein stummes e am Wortende wird vor dem Zählen entfernt, damit ein Wort wie „care“ nicht wegen zweier Vokalgruppen als zweisilbig durchgeht. Deutsch braucht diese Regel nicht. Es behandelt Umlaute (ä, ö, ü) als eigenständige Vokale. Diphthonge wie ei, ie, au, eu und äu fallen dadurch automatisch zu einer Silbe zusammen, weil sie in einem durchgehenden Vokal-Lauf stehen.
Das reicht, um einen Absatz zu bewerten, aber nicht, um ein Wort zu trennen. Das eine oder andere Kompositum oder Lehnwort wird dabei um eine Silbe falsch gezählt. Für einen Wert, der ohnehin eine Annäherung an die Schwierigkeit eines Textes ist, kann ich mit diesem Rundungsfehler leben.
Zusammengesetzte Wörter zeigen den Unterschied zwischen beiden Sprachen am deutlichsten. Ein Wort wie „Lesbarkeitsindex“ trägt allein sechs Silben. Im Englischen stehen für dasselbe Konzept meist zwei kurze Wörter statt eines langen. Genau deshalb braucht Deutsch den milderen Silben-Faktor. Sonst zahlt jeder lange Fachbegriff doppelt drauf, nur wegen seiner Form.
Der Wert ist die Überschrift, die Liste darunter ist die eigentliche Antwort
Unter dem Wert zeigt der Checker vier Kennzahlen: Wörter, Sätze, Wörter pro Satz und Silben pro Wort. Darunter listet er die fünf längsten Sätze deines Textes nach Wortzahl. Direkt aus deinem eigenen Text, nichts umformuliert. Ist der Wert schlecht, steckt der Grund fast immer in genau dieser Liste.
Ein einzelner 40-Wort-Satz mit vier Nebensätzen zieht den Durchschnitt weiter nach unten, als fünf saubere 12-Wort-Sätze ihn je wieder hochziehen könnten. Das ist der Teil, den ich im Alltag wirklich benutze. Ich öffne die Liste, suche mir den schlimmsten Satz und teile ihn. Meistens reicht schon ein Punkt an der richtigen Stelle. Und wenn ich eine Fassung nach der Überarbeitung noch mal gegenprüfe, sehe ich sofort, ob eine Kürzung wirklich etwas gebracht hat oder nur kürzer aussieht.
Mein eigener Richtwert, in echten Zahlen
Für deutschen Web-Content ziele ich auf 60 und mehr. Unter 50 fange ich an, Sätze zu teilen, ohne Ausnahmen und ohne die Ausrede, dass sich einer davon für mich gerade richtig anfühlt. Diesen Schwellenwert habe ich mir über genug Durchgänge durch eigene Entwürfe erarbeitet. Irgendwann fällt einem auf, wo aus dicht tatsächlich anstrengend zu lesen wird.
Zur Einordnung, in welchem Bereich welcher Wert liegt:
| Wert | Einschätzung | |---|---| | 90–100 | Sehr leicht, Grundschulniveau | | 70–89 | Leicht | | 60–69 | Normal, Alltagstext | | 50–59 | Eher schwer | | 30–49 | Schwer, Fachtext | | unter 30 | Sehr schwer, Wissenschaft |
Der Wert misst nicht, ob ein Text gut geschrieben ist, und das war nie sein Anspruch. Ein Absatz voller inhaltsleerer Füllsätze kann locker auf 90 landen. Ein klarer, präziser Fachtext hängt dagegen oft in den 40ern, einfach weil die Terminologie lang ist. Gemessen wird nur die Mechanik der Sätze, sonst nichts. Ich lasse den Checker früh laufen, vor der eigentlichen Überarbeitung. Genauso, wie ich auch meine Humanizer-Checkliste früh einsetze: ein erster Durchgang, der zeigt, wo ich noch mal genauer hinschauen muss.
Der Lesbarkeits-Checker ist kostenlos, läuft im Browser und braucht kein Login. Er ist eines von zwölf Tools, die ich gebaut und offengelegt habe, genauso zugeschnitten auf ein konkretes eigenes Problem statt auf ein breites Publikum. Es ist derselbe Instinkt, der schon hinter meinem eigenen N5-Trainer statt Duolingos festem Lehrplan stand. Schreibst du Deutsch, bekommst du Amstads Formel. Schreibst du Englisch, bekommst du die englische Original-Formel. Mehr macht das Tool nicht, und mehr muss es auch nicht.
FAQ
- Warum reicht nicht eine Formel für Deutsch und Englisch?
- Weil beide Sprachen unterschiedlich viele Silben pro Wort haben und die Formeln das im Silben-Faktor abbilden. Die englische Flesch-Formel zieht 84,6 Punkte pro Silbe ab, Amstads deutsche Version nur 58,5. Läuft deutscher Text versehentlich durch die englische Formel, sacken selbst normale, gut lesbare Sätze auf ein Niveau ab, das eigentlich für Fachliteratur reserviert ist.
- Wie erkennt der Checker, ob mein Text Deutsch oder Englisch ist?
- Er zählt Treffer gegen zwei Stopwortlisten, eine deutsche mit der, die, das, und, ist, eine englische mit the, and, is, of, to. Welche Liste mehr Treffer sammelt, gewinnt. Umlaute und ß zählen zusätzlich doppelt für Deutsch, weil sie im Englischen kaum vorkommen. Wechselst du die Sprache mitten im Text, ändert sich die Erkennung sofort mit.
- Welchen Wert sollte ich anstreben?
- Für deutschen Web-Content ziele ich auf 60 oder mehr. Unter 50 fange ich an, Sätze zu teilen, ohne lange zu diskutieren. Für englische Texte gilt derselbe Instinkt, nur mit der englischen Formel: 60 bis 70 ist normale, alltägliche Sprache.
- Wie genau ist die Silbenzählung?
- Es ist eine Heuristik über Vokalgruppen, kein Wörterbuch-Nachschlag. Für Englisch wird ein stummes e am Wortende vor dem Zählen entfernt, für Deutsch zählen Umlaute als eigene Vokale, damit Diphthonge wie ei oder au als eine Silbe erkannt werden. Das eine oder andere Kompositum oder Lehnwort wird dabei um eine Silbe falsch gezählt, was für einen Lesbarkeitswert in Ordnung ist und für nichts Präziseres taugen sollte.
- Bedeutet ein hoher Wert automatisch guten Text?
- Nein, und ich würde keinem Tool trauen, das das behauptet. Der Wert misst nur Satzmechanik, durchschnittliche Länge und Silbendichte. Ein Absatz voller nichtssagender Füllwörter kann locker auf 90 landen, während solide Fachtexte in den 40ern hängen, einfach weil die Terminologie lang ist.
