Claude Cowork ist ein Research Preview – Anthropics Versuch, einen KI-Assistenten direkt auf dem Desktop zu verankern, der nicht nur Fragen beantwortet, sondern tatsächlich mit deinen Dateien und Workflows arbeitet. Ich nutze es seit einigen Wochen und teile hier meine ersten, ehrlichen Eindrücke.
Vorab: Es handelt sich um einen frühen Stand. Wer ein poliertes, fehlerfreies Produkt erwartet, ist falsch. Wer verstehen will, in welche Richtung sich Desktop-KI entwickelt – und was das praktisch bedeutet – ist richtig hier.
Was Cowork von Claude im Browser unterscheidet
Der entscheidende Unterschied ist nicht das Modell dahinter. Es ist die Umgebung.
Claude im Browser ist ein Gesprächspartner. Du beschreibst, was du brauchst, bekommst eine Antwort, kopierst sie irgendwo hin, arbeitest damit weiter. Der Kontext bleibt in der Chat-Session.
Cowork ist – dem Anspruch nach – ein Kollaborationspartner. Es läuft als Desktop-App, hat Zugriff auf einen Workspace-Ordner, kann Dateien lesen und erstellen, Code ausführen, Browser-Automatisierung steuern. Es verfolgt Aufgaben über mehrere Schritte hinweg und zeigt dir dabei, was es gerade tut.
Das klingt kleiner als es ist. Die Implikation: Du musst nicht mehr zwischen Tool und KI-Chat hin- und herwechseln. Die KI ist direkt in deinem Arbeitsablauf.
Wo Cowork bereits überzeugt
Mehrstufige Dokumenten-Workflows
Ich habe Cowork genutzt, um Blog-Artikel zu schreiben, zu überarbeiten und als HTML für WordPress zu exportieren – in einem einzigen Workflow ohne manuelles Zwischenkopieren. Artikel schreiben, Brand Voice anwenden, HTML-Datei erstellen, Datei speichern. Alles in einem Durchgang.
Das ist das Kernversprechen von Cowork, und es funktioniert.
Datei-basiertes Arbeiten mit Kontext
Cowork kann Dateien aus deinem Workspace lesen und dabei den Inhalt als Kontext nutzen. In der Praxis bedeutet das: Du legst deinen Brand Voice Guide als Datei ab, und Cowork zieht ihn bei jedem Artikel automatisch als Referenz heran. Kein erneutes Copy-Paste in jeden neuen Chat.
Aufgaben-Tracking
Cowork zeigt in einer Todo-Liste, was es gerade macht – welche Schritte abgeschlossen sind, was in Arbeit ist. Das klingt trivial, hilft aber enorm dabei, komplexen Workflows zu folgen und zu verstehen, wo ein Prozess steht.
Skills und Plugins
Cowork unterstützt installierbare Skills – Bundles aus spezialisierten Anweisungen für bestimmte Aufgaben. In der Praxis habe ich damit zum Beispiel SEO-Audits, Content-Erstellung und Brand-Voice-Reviews in einem einheitlichen Interface ausgeführt. Das reduziert Tool-Hopping erheblich.
Wo Cowork noch wächst
Browserzugriff ist optionales Add-on, kein Standard
Browser-Automatisierung (Claude in Chrome) ist als separate Erweiterung verfügbar, aber nicht nahtlos integriert. Für Workflows, bei denen du Webinhalte brauchst, gibt es aktuell Einschränkungen.
Research Preview bedeutet: Es bricht noch gelegentlich ab
Einzelne Workflows haben sich in meiner Nutzung aufgehängt oder lieferten unerwartete Ergebnisse. Das ist bei einem Research Preview zu erwarten, aber du solltest keine kritischen Produktionsprozesse vollständig darauf aufbauen.
Keine direkte Integration mit externen Tools
n8n, Ahrefs, Google Analytics – Cowork spricht diese Tools nicht nativ an. Du kannst Ergebnisse aus diesen Tools als Dateien importieren und damit arbeiten, aber eine direkte Verbindung gibt es (noch) nicht über dedizierte Connectors.
Die Lernkurve ist real
Cowork ist kein klassisches SaaS-Tool mit einer intuitiven UI. Du musst verstehen, wie du Aufgaben formulierst, was in den Workspace-Ordner gehört und wie Skills und Prompts zusammenspielen. Wer damit rechnet, es nach fünf Minuten vollständig zu beherrschen, wird frustriert sein.
Wie ich Cowork aktuell einsetze
Mein Einsatz ist bewusst begrenzt auf Aufgaben, bei denen der Mehrwert klar ist:
Content-Produktion: Artikel schreiben, überarbeiten, als HTML exportieren. Der Workflow-Charakter macht hier den Unterschied zu einem einfachen Chat.
Dokumenten-Arbeit: Brand Voice Guide als Referenz-Datei ablegen, SEO-Audit-Ergebnisse speichern, Artikel-Drafts versionieren. Cowork als strukturierter Workspace statt chaotischem Chat-Verlauf.
Skill-basierte Aufgaben: Für SEO-Audits, Content-Reviews und Wettbewerberanalysen nutze ich die integrierten Marketing-Skills. Das spart Zeit gegenüber einem manuell aufgebauten Prompt.
Für Workflow-Automatisierung (n8n), Datenanalyse und externe Tool-Integrationen bleibe ich bei spezialisierten Lösungen.
Meine Einschätzung
Cowork löst ein echtes Problem: Die KI sitzt im Chat, die Arbeit passiert woanders, und du verbringst einen erheblichen Teil deiner Zeit damit, zwischen beidem zu vermitteln. Ein Desktop-Tool, das diesen Gap schließt, ist konzeptionell richtig.
Der aktuelle Stand ist vielversprechend für Content- und Dokumenten-Workflows. Für technische Workflows, externe Integrationen und Produktionsumgebungen ist es noch nicht da.
Die Frage ist nicht, ob Cowork das richtige Konzept ist. Die Frage ist, wie schnell die Integration mit den Tools, die Entwickler und Marketer täglich nutzen, voranschreitet. Wenn das passiert, ändert sich, wie wir mit KI arbeiten – fundamental.