Die Claude-Modellfamilie wächst schnell. Mit Sonnet 4.6 hat Anthropic gerade ein neues Modell veröffentlicht, das die bisherige Aufteilung – Sonnet für den Alltag, Opus für anspruchsvolle Aufgaben – nochmal verschiebt. Zeit für eine Bestandsaufnahme aus der Praxis.
Ich arbeite täglich mit allen drei Modellen. Das Ergebnis meiner Erfahrung vorweg: Das teuerste Modell ist selten das richtige für den Job. Und das neueste ist nicht automatisch das universell beste.
Die drei Modelle im Überblick
Claude Sonnet 4.5 ist das Balanced-Modell der letzten Generation – schnell, für strukturierte Tasks präzise, für die meisten Content- und Workflow-Aufgaben stark genug. Wer Sonnet 4.5 bereits in laufenden Workflows hat, hat eine stabile Basis.
Claude Sonnet 4.6 ist das neue Modell in der Mitte. Erste Erfahrungen zeigen eine deutlich bessere Performance bei Coding-Aufgaben – und zwar ohne, dass du die Anforderungen übermäßig detailliert ausformulieren musst. Das Modell versteht schneller, was gemeint ist.
Claude Opus 4.6 ist das Power-Modell – langsamer, teurer, aber mit tieferen Reasoning-Fähigkeiten. Bei langen Kontexten, strategischen Abwägungen und Aufgaben, die mehrere Denkschritte erfordern, hält Opus 4.6 die Übersicht besser als die Sonnet-Modelle.
Was Sonnet 4.6 konkret besser kann
Mein erstes größeres Projekt mit Sonnet 4.6 war ein praktischer Test: ein browserbasierter Bild-Converter mit Kompressionsfunktion für meine eigene Website. Komplett clientseitig, kein Server-Backend.
Was aufgefallen ist: Sonnet 4.6 hat das Tool schnell und sauber aufgebaut – und dann auch eigenständig erweitert – ohne dass ich jeden einzelnen Schritt im Detail spezifizieren musste. Ich habe das Ziel beschrieben, das Modell hat die technischen Entscheidungen (Dateiformat-Handling, Kompressionslogik, UI-Struktur) sinnvoll getroffen.

Das ist ein anderes Verhalten als bei Sonnet 4.5. Bei dem musste ich bei Coding-Aufgaben deutlich mehr Kontext liefern, um vergleichbare Ergebnisse zu bekommen.
Was das für Coding-Aufgaben bedeutet:
Wenn du kleinere Tools, Skripte oder browserseitige Anwendungen baust – besonders im Marketing-Kontext, wo du keine vollständige Entwicklungsumgebung aufbauen willst – ist Sonnet 4.6 ein spürbarer Schritt nach vorne. Du kannst weniger Prompt-Engineering betreiben und trotzdem nutzbare Ergebnisse bekommen.
Das ist auch für das Thema Vibe Coding relevant: Marketer, die eigene kleine Tools bauen wollen, ohne Entwickler zu sein, werden von Sonnet 4.6 profitieren.
Braucht es Sonnet 4.5 noch?
Da Sonnet 4.5 und 4.6 identisch kosten, fällt das Preisargument komplett weg. Die ehrliche Antwort: Wer Sonnet 4.5 bereits in stabilen, getesteten Workflows laufen hat – n8n, API-Calls in Serie, Batch-Verarbeitung – muss nicht sofort wechseln. Das Verhalten ist bekannt, die Integration läuft.
Wer aber neu anfängt oder einen Workflow aufbaut, sollte direkt mit Sonnet 4.6 starten. Bei gleichem Preis und besserer Performance gibt es keinen rationalen Grund mehr, die ältere Version zu wählen.
Wo Opus 4.6 den Unterschied macht
Komplexe Strategie-Aufgaben
Wenn du ein Marketing-Konzept entwickelst oder widersprüchliche Anforderungen abwägen musst: Opus 4.6 hält mehr Kontext gleichzeitig im Blick und erkennt Abhängigkeiten, die Sonnet-Modelle manchmal vereinfachen.
Langer Kontext mit vielen Variablen
Bei Aufgaben, bei denen du sehr lange Dokumente mitgibst und die Antwort von Details an verschiedenen Stellen abhängt, ist Opus 4.6 zuverlässiger. Das Modell verliert den Faden seltener.
Komplexe Prompt-Entwicklung
Wenn ich Prompts entwickle, die dann in Automatisierungen laufen – also Prompts, die für viele verschiedene Inputs funktionieren müssen – nutze ich Opus 4.6. Es denkt die Kantenfälle besser durch.
Kreative Arbeit mit strategischem Anspruch
Für Artikel, bei denen Originalität und Perspektive zählen, nicht nur korrekte Information, liefert Opus 4.6 differenziertere Ergebnisse. Der Unterschied ist nicht dramatisch, aber spürbar.
Mein aktueller Workflow
Kein Modell für alles. Das Prinzip gilt weiterhin – Sonnet 4.6 ergänzt jetzt den Stack:
Sonnet 4.5 läuft bei mir für:
- Automatisierte Schritte in n8n (API-Calls in Serie)
- Strukturierung von Recherche-Ergebnissen
- Social-Media-Drafts und E-Mail-Texte
- Schnelle Zusammenfassungen und Klassifizierungen
Sonnet 4.6 setze ich ein für:
- Coding-Aufgaben und Tool-Entwicklung (ohne detaillierte Spezifikationen)
- Vibe Coding: schnelle, browserbasierte Tools bauen
- Ersten Artikel-Draft bei komplexeren Themen
- Aufgaben, wo ich weniger Prompt-Overhead will
Opus 4.6 reserviere ich für:
- Strategie-Diskussionen und Konzept-Entwicklung
- Komplexe Prompt-Entwicklung für Automatisierungen
- Code-Review und Workflow-Architektur
- Alles, wo ich den vollen Kontext einer langen Konversation brauche
Was das für deine Modell-Auswahl bedeutet
Die Frage ist nicht mehr nur „Sonnet oder Opus?“, sondern welche Aufgabe welches Modell braucht.
Wenn du mit Claude neu anfängst: Sonnet 4.6 ist der sinnvolle Einstieg. Es deckt mehr Aufgaben ab als 4.5 und erfordert weniger Prompt-Engineering.
Wenn du Coding-Aufgaben mit möglichst wenig Aufwand erledigen willst – kleine Tools, Skripte, browserseitige Anwendungen – ist Sonnet 4.6 gerade das stärkste Modell für diesen Use Case.
Wenn du Opus 4.6 bisher für Coding-Tasks eingesetzt hast, weil dir Sonnet 4.5 dort nicht gereicht hat: Sonnet 4.6 ist einen Test wert. Es ist schneller und liefert bei Coding-Aufgaben vergleichbare Ergebnisse – bei einem Bruchteil des Opus-Preises.
Der Wechsel zwischen Modellen ist kein Qualitätskompromiss. Es ist Werkzeugdenken.